Eine Garantie für Frieden?

Globale Wirtschaftsverflechtungen

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Die Bilanz des vergangenen Jahrhunderts fällt blutig aus. In 471 Kriegen haben circa 100 Millionen Menschen ihr Leben gelassen.[1] Dem gegenüber steht die rasante ökonomische Entwicklung in dieser Zeitspanne. Die unter dem Begriff der Globalisierung zusammengefassten ökonomischen Phänomene der Integration der Länder der Erde, der Verdichtung der weltweiten Marktverflechtung und der Zunahme der transnationalen Faktormobilität,[2] haben ein nie da gewesenes Ausmaß erreicht. Diese Entwicklungen geben Hoffnung, denn nach weitläufigen Annahmen besteht eine direkte Verbindung zwischen ökonomischen Verflechtungen und der Aufrechterhaltung des Friedens. In diesem Zusammenhang verwundert jedoch die verblüffend hohe Anzahl an kriegerischen Handlungen.

Nachfolgend soll erörtert werden, inwiefern diese Quantitäten dem realen Zusammenhang, zwischen verstärkter internationaler Kooperation auf wirtschaftlichem Gebiet und deren Auswirkung auf mögliches Konfliktgeschehen, Rechnung tragen. Den Anfang der Betrachtung stellt eine prägnante Erklärung der von Thomas Friedman aufgestellten Theorie zu diesem Thema. Nachfolgend stehen sowohl die Entwicklung und die Ausprägung internationaler wirtschaftlicher Interdependenzen, sowie ihre friedenserhaltende Wirkung im Blickpunkt. Den Bogen schließen Indizien, wie der Wandel des internationalen Systems nach dem Jahr 1945, die gegen die Auffassung des Journalisten sprechen.

Die Relevanz des Themas drückt sich vor allem in  der Suche nach dem Patentrezept für eine friedliche Koexistenz aller Staaten aus.

Die Dell-Theorie

thomas_friedman

„Sometime they`ll give a war and nobody will come.“[3] Erstaunlich treffend ist in diesem Ausspruch die Quintessenz der von Thomas Friedman in „The Lexus and the Olive Tree”[4] aufgestellten „Mc Donalds-Theorie“ zusamengefasst. Entsprechend dieser Behauptung, zieht es die Bevölkerung in Staaten mit wachsender Mittelschicht vor, den erreichten Lebensstandard zu halten und nicht an einem Krieg zu partizipieren, der den erarbeiteten Wohlstand in Schutt und Asche legt. In seinem Buch „The World is Flat“[5], baut Friedman auf dieser These auf und erweitert sie zur „Dell-Theorie“, wonach die Ausbreitung globaler Wertschöpfungsketten ein größeres Hemmnis für einen Krieg darstellt, als der Anstieg des Existenzniveaus. Dem folgend deduziert der New York Times-Kolumnist die Annahme, dass keine zwei Länder gegeneinander Krieg führen, wenn sie Teil der globalen Wertschöpfungskette sind.[6]

Das Netz globaler Wirtschaftsverflechtungen

Diese Kette ergibt sich durch die weltweite Verteilung der Fertigungsprozesse und ist, mit ihrem Ausgangspunkt im 20.Jahrhundert, ein neues Phänomen. Der zwischenstaatliche Austausch von Menschen, Waren, Dienstleistungen, Kapital und Informationen hingegen, findet seit der Existenz von Staaten statt. So geartete wechselseitige Transfers haben sich im Verlauf der Geschichte verdichtet und diversifiziert, wodurch sich das Netz wirtschaftlicher Verflechtungen ausspinnen konnte. Die letzten Jahrzehnte betrachtend weist der Grad der ökonomischen Verbindungen eine steigende Tendenz auf, da mehr und mehr Länder die Schwelle hin zur industriellen Wettbewerbsfähigkeit überschreiten.[7] Ausdruck zunehmender kommerzieller Interdependenzen ist das hohe Außenhandelswachstum, was dem Abbau von Handelshemmnissen durch Regionalabkommen[8] und internationale Vertragswerke anzurechnen ist. Solcherweise stieg der Anteil der von regionalen Abkommen betroffenen Teile des Welthandels von 10% im Jahr 1990 auf 31% zwölf Jahre später.[9] Diese Ausdehnung der  Regionalisierung knüpft friedenserhaltende Bänder zwischen Staaten und wirkt somit präventiv im Hinblick auf potentielle Konflikte. Eine Internationalisierung der Produktion und weitere Forcierung der wirtschaftlichen Verkettungen findet durch steigende Auslandsinvestitionen statt. Betrugen deren Zuwachsraten in den 1980er Jahren noch 10%, waren es Ende der 1990er Jahre schon 37%.[10] Derartige Investitionen schaffen Realkapital[11] im Ausland und entziehen somit einer möglichen kriegerischen Auseinandersetzung die Legitimation, da mit der Zerstörung ausländischer Infrastruktur, die Vernichtung der eigenen Investitionen einhergeht. Ein entscheidendes Novum stellen die Entwicklungen auf dem Gebiet der Nachrichten- und Informationstechnik dar, die sich im letzten Jahrhundert im globalen Maßstab vollzogen haben. Neue Technologien haben die Transaktionskosten in solch einem Maße gesenkt, dass Transportentfernungen und -aufwendungen im Produktionsprozess nur noch eine unterrangige Rolle zukommt und international agierende Unternehmen in die Lage versetzt, Wertschöpfungsketten länderübergeifend arbeitsteilig zu gestalten. Das hebt die räumliche Bindung von Gütern und Dienstleistungen auf und real existierende Grenzen verschwinden. Die daraus folgende Bedeutungsschwächung des räumlich abgrenzbaren Territoriums als zentrales Element des Staatsbegriffes[12] impliziert eine mit der zunehmenden wirtschaftlichen Integration einhergehende Erosion des Staates. Ausgehend vom Konzept der Weltgesellschaft[13] als Konsequenz der Globalisierung, schrumpft die Welt sprichwörtlich zu einem Dorf.[14] Somit sinkt die Wahrscheinlichkeit eines Krieges zwischen zwei Volkswirtschaften in der Weise wie auch die Bedeutung des Staates als Hauptakteur eines solchen Konfliktes schwindet. Ein weiteres Argument für die Annahme Friedmans ist, dass es um einen Krieg siegreich zu bestreiten, zweierlei grundlegender Dinge bedarf: einer hoch motivierten Armee und einer produktiven Gesellschaft.[15] Als Problem offenbart sich hierbei jedoch, dass eine Gesellschaft nicht produktiv sein kann, wenn ihre Mitglieder Teil der globalen Wertschöpfungskette sind, da diese im Kriegsfall abbricht.

Alle Fakten zusammentragend, ist bei einer Betrachtung der wirtschaftlichen Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts zu konstatieren, dass die ökonomischen Verflechtungen zugenommen haben und weiterhin zunehmen werden. Ein Blick auf die stattgefundenen Kriege verrät, dass seit 1945 90% aller Kriege in Entwicklungsländern, mit eher geringen wirtschaftlichen Verflechtungen stattgefunden haben.[16] Außerdem sind die ökonomisch stark verknüpften Regionen USA und Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs  vollständig beziehungsweise weitgehend von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont geblieben. [17]

Indizien gegen voreilige Schlussfolgerungen

Als eine erste Schlussfolgerung drängt sich infolgedessen eine Konnexion zwischen ökonomischer Verflechtung und dem Zustand des Friedens auf. Doch es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass sich das internationale System seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges grundlegend gewandelt hat. Das Führen eines Krieges, der gemäß der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung definiert wird als ein gewaltsamer Massenkonflikt,[18] galt noch vor dieser Zeit als legitimes Mittel im Rahmen nationaler Machtpolitik und diente zuvorderst dem Zweck des Machtgewinns in Form von Raum, Ressourcen, Menschen und Märkten.[19] Für heutige Staatsmänner ist diese Sinngebung jedoch fragwürdig und ökonomisch nicht sinnvoll. Schließlich generiert sich der Wohlstand eines modernen Staates aus dem Wissen und Können seiner Bevölkerung. Diese kreativen Fähigkeiten können nicht durch Kriege gewonnen werden. Hinzu kommt, dass die Kriegskosten seit Mitte des 19.Jahrhunderts exponentiell gestiegen sind und sowohl ökonomische als auch menschliche und soziale Kosten umfassen. Für Volkswirtschaften sind diese Lasten nicht tragbar und würden überdies eine existenzielle Bedrohung darstellen. Denn neben der Verminderung des Wirtschaftswachstums und den gesundheitlichen Folgekosten, legen vor allem die Zerstörung von Infrastruktur und die Erosion von Sozialkapital[20] zukünftigen ökonomischen Entwicklungen  schwere  Steine in den Weg.[21] Das ist jedoch nur eine Lehre, die aus dem Zweiten Weltkrieg zu ziehen ist und die Staaten veranlasste einen Paradigmenwechsel von konfrontativer Machtpolitik hin zu kooperativer Regionalpolitik zu vollziehen und der Nullsummen-Politik des Weltkrieges den Rücken zu kehren.[22] Weitere strukturelle Veränderungen innerhalb der Staatenwelt, die zur Konfliktmäßigung beitragen, betreffen die multilaterale Einbettung in internationale und transnationale Organisationen, die eine immer größer werdende Zahl von Politikbereichen umfassen. Diese Körperschaften leisten einen bedeutenden Beitrag zur Kodifikation gemeinsamer Werte und Normen und verfügen über friedliche Streitschlichtungsmechanismen. Auch die Entstehung des internationalen Menschenrechtsregimes, das auf universaler Ebene im Rahmen der Vereinten Nationen etabliert ist und lokal durch diverse Regionalabkommen ergänzt wird, ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die zwischenstaatliche Friedenserhaltung. Wesentlich ist zudem der nach dem Kriegsende eingetretene Prozess der zunehmenden Demokratisierung der Staatswesen. Liberale Denkschulen innerhalb der Disziplin der Internationalen Beziehungen vertreten, dieser Entwicklung Rechnung tragend, die Theorie des demokratischen Friedens, wonach ein Krieg zwischen zwei Demokratien ausgeschlossen ist. Denn der normativen Logik folgend, externalisieren demokratische Staaten ihre Normen und begegnen sich mit gegenseitigem Vertrauen und Respekt. Gemäß der institutionellen Logik dieser Lehrmeinung haben demokratisch legitimierte Politiker eine Verantwortlichkeit gegenüber der Öffentlichkeit  und ihnen obliegt eine Rechenschaftspflicht gegenüber der Gesellschaft. Somit können sich die Verantwortlichen nur auf einen Konflikt einlassen, wenn es eine breite öffentliche Unterstützung dafür gibt. Doch schon Kant prägte die Idee, dass die Öffentlichkeit generell gegen einen Krieg ist, da sie für einen solchen die Kosten tragen muss.[23]

Alle dieser neueren Entwicklungen haben zum Verschwinden der klassischen zwischenstaatlichen Kriege beigetragen, so dass seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nur 17% aller gewaltsam ausgetragenen Massenkonflikte diesem Typus zugeordnet werden können. Weiterhin fand die Mehrheit der eingangs erwähnten Kriege in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts statt, so dass sich die absolute Zahl der zwischen Staaten geführten Waffengänge seit dem Jahr 1945 auf 37 beläuft, wobei keine der opponierenden Parteien wirtschaftliche stark miteinander verflochten waren.[24] Eine dominierende Rolle haben die interstaatlichen Kriege übernommen, die vor allem in den 40 bis 60 Staaten, die von einer Erosion des Gewaltmonopols und der abnehmenden Leistungsfähigkeit staatlicher Institutionen bedroht sind, zu lokalisieren sind.[25]

Fazit

Die empirischen Daten sprechen eindeutig für die These Friedmans, denn sie belegen, dass es bis dato keinen Krieg zwischen zwei wirtschaftlich eng verflochtenen Staaten gab. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass die internationale Arbeitsteilung mitbewirken kann, dass Kriege unwahrscheinlicher werden. Denn die vertikale Verteilung der Wertschöpfungskette um die Welt wirkt in der Weise, dass potentielle Motive für einen Krieg restringiert werden und die Bereitschaft zum Waffengang herabgesetzt wird. Jedoch ist hierbei fraglich, ob der Umstand der wirtschaftlichen Verflechtung zum Zustand des Friedens in erster Instanz beiträgt und somit tatsächlich als Ursache identifiziert werden kann. Denn essentielle Voraussetzung für ökonomische Kooperation ist zuallererst, dass Stabilität in einem Land gewährleistet ist. Nur dann haben Unternehmen Vertrauen und investieren. Es bedarf folglich demokratisch legitimierter Institutionen, die verantwortlich gemacht werden können. Dies führt zu der Annahme, dass die Demokratie eine Voraussetzung für beides ist: wirtschaftliche Verflechtungen und Frieden. Bestreitbar ist hierbei nicht das wechselseitige Verhältnis in dem beides miteinander steht. Somit sind wirtschaftliche Verflechtungen nicht nur ein Hemmnis, gegeneinander Krieg zu führen, sondern ihre Existenz wäre ohne Frieden gar nicht möglich. Aus diesem Zusammenhang wird eine deutlich größere Abhängigkeit der wirtschaftlichen Beziehungen von Frieden erkennbar, als es umgekehrt der Fall ist. Dementsprechend ist der These Friedmans zwar nicht zu widersprechen, jedoch kann sie auch nicht zu 100 Prozent verifiziert werden. Die Umkehr der Annahme führt zu einer stichhaltigeren Aussage und lautet: Der Frieden zwischen zwei Volkswirtschaften stellt die Bedingung für wirtschaftliche Verflechtungen dar.


[1] Vgl. Pfetsch, Frank R.: Globale Wandlungen im Konflikt- und Kriegsgeschehen. War das 20.Jahrhundert ein kriegerisches? In: Voigt, Rüdiger (Hrsg.): KriegInstrument der Politik?, Baden-Baden 2002, S.228 f.

[2] Vgl. Walter, Rolf: Geschichte der Weltwirtschaft. Eine Einführung, Köln/Weimar/Wien 2006, S.202.

[3] Zitat von Carl Sandburg.

[4] Vgl. Friedman, Thomas L.: The Lexus and the Olive Tree. New York 1999.

[5] Vgl. Friedman, Thomas L.: The World is Flat. New York 2005, 1.Aufl.

[6] Vgl. Ebd, S.414 ff.

[7] Vgl. Walter, Rolf: Geschichte der Weltwirtschaft. Eine Einführung, Köln/Weimar/Wien 2006, S.208.

[8] Beispiele hierfür sind: NAFT, Asean, MERCOSUR oder FTAA.

[9] Vgl. Ebd. S.205.

[10]

[11] Zum Beispiel in Form von Tochterunternehmen.

[12] Neben dem Staatsvolk und der Staatsmacht.

[13] Vgl. Walter, Rolf: Geschichte der Weltwirtschaft. Eine Einführung, Köln/Weimar/Wien 2006, S.202.

[14] Vgl. Ebd. S.211.

[15] Vgl. Rosato, Sebastian: The Flawed Logic of Democratic Peace Theory. American Political Science Review Vol. 97 Nr. 4, 2003, S.595.

[16] Vgl. Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung unter: http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_aktuell.htm#Def , letzter Zugriff am 28.07.06.

[17] Vgl. Voigt, Rüdiger: KriegInstrument der Politik? Bewaffnete Konflikte im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert, in:  Voigt, Rüdiger (Hrsg.): KriegInstrument der Politik? Bewaffnete Konflikte im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert,  Baden-Baden 2002, S.20.

[18] Dieser muss folgende Merkmale Aufweisen: (a) an den Kämpfen sind zwei oder mehr bewaffnete Streitkräfte beteiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte der Regierung handelt/ (b) auf beiden Seiten muß ein Mindestmaß an zentralgelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein/ c) die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuierlichkeit, nachzulesen unter: http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_aktuell.htm#Def , letzter Zugriff am 28.07.06.

[19] Vgl. Voigt, Rüdiger: KriegInstrument der Politik? Bewaffnete Konflikte im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert, in:  Voigt, Rüdiger (Hrsg.): KriegInstrument der Politik? Bewaffnete Konflikte im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert,  Baden-Baden 2002, S.28.

[20] Das Sozialkapital betrifft vor allem die Erwartungsverlässlichkeit und das wechselseitige Vertrauen.

[21] Vgl. Debiel, Tobias/Messner, Dirk/Nuscheler, Franz (Hrsg.): Globale Trends 2007. Frieden Entwicklung Umwelt, Frankfurt a.M. 2006, S.94.

[22] Vgl. Pfetsch, Frank R.: Globale Wandlungen im Konflikt- und Kriegsgeschehen. War das 20.Jahrhundert ein kriegerisches? In: Voigt, Rüdiger (Hrsg.): KriegInstrument der Politik?, Baden-Baden 2002, S.226.

[23] Vgl. Rosato, Sebastian: The Flawed Logic of Democratic Peace Theory. American Political Science Review Vol. 97 Nr. 4, 2003, 585–602.

[24] Vgl. Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung unter: http://www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_aktuell.htm#Def , letzter Zugriff am 28.07.06.

[25] Vgl. Debiel, Tobias/Messner, Dirk/Nuscheler, Franz (Hrsg.): Globale Trends 2007. Frieden Entwicklung Umwelt, Frankfurt a.M. 2006, S.81.

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